Unschuldig im Knast

Guten Morgen Leute!

Kur. Normalerweise ist das ein Ort der Erholung. Ein Ort an dem es den Menschen eigentlich gut gehen sollte.

Anders war das bei mir.

Nach der OP vor 7 Jahren sollte ich für drei bis fünf Wochen noch eine Anschlussheilbehandlung, Reha genannt, machen. Damit sollte erreicht werden,  dass sich meine Muskeln nach 6 Wochen Gips schneller und besser wieder aufbauen können.

Also wurde schon im Krankenhaus zusammen mit dem dortigen Sozialdienst alles für die bevorstehende Reha geregelt.

Meine Eltern und ich suchten uns eine passende Einrichtung aus.

Schnell fanden wir eine Rehabilitationsklinik für Kinder und Jugendliche, die ganz in unserer Nähe lag. Nach vier Wochen Aufenthalt in einem Krankenhaus, das ca. zwei Stunden von meiner Heimat entfernt war, kam das natürlich wie gerufen!

Nur 20 Minuten mit dem Auto von dort bis zu mir nach Hause. So konnte ich die Wochenenden zu Hause bei meiner Familie und meinen Freunden verbringen ich meine Eltern konnten auch ganz schnell mal zu mir „rutschen“. Das war natürlich optimal und klang total super! 🙂 Jedenfalls in der Theorie…

Es kam der Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus: Freitag, der 9. Juni 2009. Mit dem Taxi wurde ich von dort aus in das „KMG Reha-Zentrum Sülzhayn“ gebracht, wo ich die nächsten Wochen verbringen sollte. An das Lied, welches während der Fahrt im Radio lief, kann ich mich bis heute noch genau erinnern: „Foot of the mountain“ von der Band „Aha“.

Nach ca. 2 Stunden waren wir in der Klinik angekommen, wo schon meine Eltern warteten.

Wir betraten das Gebäude und meldeten uns an der Rezeption an. Von dort aus wurden wir auf die Station geschickt, wo mir zuerst mein Zimmer gezeigt wurde.

Und da fing die ganze Misere eigentlich schon an: In dem Zimmer fehlte die Notfallklingel. Wie sollte das denn bitte funktionieren? Wie sollte ich mich bemerkbar machen, wenn ich mal Hilfe brauche?

Wir fragten bei der Stationsschwester nach.

Dort konnte das Problem schnell geklärt werden. Doch es hatte irgendwie keiner auf dem Schirm, dass meine Eltern nicht mit in der Reha übernachten werden, sondern ich alleine dort bin. Als nächstes folgte das Aufnahmegespräch mit der Stationsärztin.

Hier wurde mir verkündet, dass sie sich das Ziel gesetzt haben, mich am Ende der Reha an einem Rollator laufend zu entlassen. Außerdem verlängerte sie meine Reha direkt um zwei Wochen.

Zu diesem Zeitpunkt musste ich das erste Mal schlucken. Am Rollator laufen konnte ich doch auch schon vor der OP. Wozu habe ich das dann jetzt bitte gemacht? Vier Wochen im Bett liegen damit ich in drei Wochen das kann, was ich vorher schon konnte? Das war doch nicht Sinn und Zweck der Sache! Laut den Ärzten im Krankenhaus sollte ich doch frei oder mindestens an Krücken laufen können.

Nach diesem Gespräch war ich total niedergeschlagen und demotiviert und musste die gewonnenen Erkenntnisse und Informationen erst einmal verarbeiten.

Ich bekam ein Zimmer für Kinder, die allein in der Reha waren.

Beim Abendessen lernte ich die anderen Kinder kennen. Meine Eltern waren mittlerweile schon weg und ich hatte den Schock von dem Gespräch mit der Ärztin einigermaßen überwunden.

In der Klinik gab es einen Fernsehraum, da wir in unseren Zimmern keinen eigenen TV hatten.

Dieser wurde für uns jeden Abend zwischen 19 Uhr und 19:30 Uhr aufgeschlossen und zusammen mit den Betreuern schauten wir Fernsehen.

Aber anstatt irgendeine vernünftige Sendung einzuschalten liefen jeden Abend „Die Simpsons“ über die Bildfläche.

Abwechselnd über das TV Programm bestimmen durften wir auch nicht.

Das Kind, das am längsten schon da war hatte die Macht über den Fernseher und das Programm.

Ab um acht abends mussten wir dann alle auf unseren Zimmern sein und schlafen. Ich konnte allerdings nie schon um 8 Uhr schlafen. Aber lesen oder mit meinem Gameboy spielen, durfte ich auch nicht. 😦

Alles, was uns zur Unterhaltung hätte dienen können, wurde vor der sogenannten „Bettzeit“ aus unseren  Zimmern entfernt und im Schwesternzimmer aufbewahrt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit der Wand zu unterhalten.

Am nächsten Morgen bekam ich meinen Therapieplan für die kommende Woche. Ich sollte jeden Tag zum Psychologen. Was sollte ich denn da? Ich wurde an den Beinen operiert und brauche intensive physiotherapeutische Mobilisierung. Mit meiner Psyche ist alles in Ordnung.
Als am Nachmittag meine Eltern kamen, regelte mein Vater erstmal, das der Psychologe von meinem Therapieplan gestrichen wurde besorgte mir anschließend noch einen eigenen Fernseher. Zumindest konnte ich jetzt gucken was ich wollte…

Doch am Montag dann die große Überraschung: Nachdem ich den gestrigen Tag zu Hause verbracht hatte und nach einer tränenreichen Verabschiedung nun wieder hier im „Knast“ eingesperrt war, kam am Montagmorgen die Psychologin zu mir um mich zu meiner ersten Therapiestunde abzuholen.

Die Ärztin hatte mir alle Physiotherapie-Stunden von meinem Plan gestrichen und mir dafür noch mehr Therapiestunden auf der Psychologen- Couch auf den Plan gesetzt.

Das war eindeutig zuviel!!

Meine Eltern entschieden sich, mich nach 3 Tagen in der Reha vorzeitig nach Hause zu holen. Aber nun stand sie da, die Psychologin. Da ich mich mit meinen damals gerade einmal zehn Jahren nicht wirklich gegen so eine Psycho-Tussi wehren konnte, folgte ich ihr widerwillig in ihr Büro.

Zum Glück war mein Aufenthalt in der Rehaklinik nach dieser Stunde dann aber auch endgültig beendet. „Einfach nur schnell weg hier!“, dachte ich mir.

In der Hektik haben wir sogar meine Schlafanzughose in der Klinik vergessen. 😀

Aber das war meinen Eltern und mir herzlich egal. Die Hauptsache war nur, dass ich hier endlich rauskam aus diesem Knast.

Meine Reha habe ich dann übrigens ambulant bei uns im städtischen Krankenhaus gemacht. Dort war es echt super und hat mir vor allem auch was gebracht. 🙂

Ich würde jederzeit wieder dort hingehen. 😉

Aber was stationäre Reha’s angeht, bin ich noch bis heute traumatisiert.
Aber nächstes Jahr waage ich nochmal einen zweiten Anlauf für eine Reha. Wenn alles wie geplant läuft geht es dann ins „Hegau Jugendwerk“ nach Gailingen am Bodensee. Eine reelle Chance für mich danach frei laufen zu können, die unbedingt genutzt werden muss. 

Ich bin gespannt!

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2 Gedanken zu “Unschuldig im Knast

  1. Hallo 🙂
    Das hört sich ziemlich heftig an. Unglaublich dass das eine Reha für Kinder gewesen sein soll. Da kann man verstehen dass du jetzt eine schlechte Einstellung zu stationären Rehas hast.

    Deinen Blog finde ich übrigens super interessant. Ich finde es toll, wie offen du über deine Erfahrungen schreibst. Ich schau jetzt bestimmt mal öfter vorbei.
    Schönes Wochenende!

    Liebe Grüße
    Rebecca

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